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Weihnachten
das Fest der Wintersonnenwende
Von Dietmar Lange
Der ursprüngliche
Sinn des Weihnachtsfestes konnte weder durch die mit der Christianisierung
unserer germanischen Vorfahren einhergehende inhaltliche Umwertung noch
durch die kommerziellen Konsumgewohnheiten unserer Zeit ernsthaft in
Frage gestellt werden. Obwohl in alljährlicher Regelmäßigkeit
Zeitungsartikel auf die »heidnischen« Ursprünge unseres
schönsten Festes hinweisen, stört diese Information nicht
weiter, meint man doch, sich des christlichen Gehaltes ohnehin sicher
sein zu dürfen. Da fällt das Widersprüchliche kaum noch
auf, wenn die Braunschweiger Zeitung vom 30. 11. 1993 auf die Ankündigungszeile
eines dpa-Beitrags »Das Weihnachtsgebäck aus dem Erzgebirge
symbolisiert das Christuskind in Windeln« ein wahrhaft
appetitlicher Gedanke! die fettgedruckte Überschrift folgen
läßt: »Schon die alten Germanen naschten am Stollen.«
Nachdenklichkeit
gehört nicht zu den Vorzügen unserer schnellebigen Zeit mit
ihren Fortschritten, die manchmal bedenkliche Auswirkungen zeigen. So
verwundert es nicht, wenn die Presse berichtet (Braunschweiger Zeitung
vom 8. 12. 1993):
»Millionen
Urlauber düsen in die Sonne«
und den »unerwarteten Reiseboom zu Weihnachten« damit zu
vermelden hat. Jedenfalls ergibt sich damit eine völlig neue Bedeutung
des Wortes »Wintersonnenwende«, wenn sich der Urlauber,
dem rauhen Klima des Nordens entflohen, unter der Sonne der Karibik
im Liegestuhl von einer Seite auf die andere wendet. Es sorgen die Reiseveranstalter
jedenfalls dafür, daß ein Massenverhalten, oft verbunden
mit hektischer Betriebsamkeit denkt man an den Reisestreß
unter fremden Menschen den einzelnen und die Familie ja nicht
zur Besinnung kommen läßt. Doch vielfach bedeutet »Reisefieber«
nichts anderes als Flucht vor sich selbst, und die Beziehungslosigkeit
des modernen Menschen gegenüber der natürlichen Umwelt offenbart
sich in diesem Bedürfnis ebenso wie die fehlende Übereinstimmung
mit dem natürlichen Kreislauf des Jahres und dem Rhythmus des Lebens
schlechthin. Bekanntlich nehmen Reiseaktivitäten häufig die
Wirkungsweise einer Droge an, wenn man meint, der eigenen, um mit Kant
zu sagen »selbstverschuldeten« Langweile durch derartige
Abwechslungen, wie sie in Form von »last minute«-Buchungen
zu haben sind, entfliehen zu müssen. Modernem Lebensgefühl
entsprechend hat die Rastlosigkeit des Alltags die Feiertagsgewohnheiten
zu bestimmen, sonst »läuft nichts mehr«, wie der niederdeutsche
Schriftsteller Hermann Bärthel in seinen Glossen »Fidele
Wiehnachts-Akschn« und »Fardig los Wiehnachten«
treffend zum Ausdruck bringt.
Der Wechsel der
Jahreszeiten wurde von den Menschen früherer Jahrhunderte bewußter
erlebt, war für ihren Lebensrhythmus bestimmender, als wir es heute
erfahren. Jahreszeitenfeste galten als Hauptfeste unserer Vorfahren,
die der Natur nicht entfremdet waren, sondern ihr persönliches
Leben im Einklang mit ihr gestalteten. »Uns hat der winter geschât
über al«, klagte Walther von der Vogelweide um 1200 aus dem
Empfinden tiefster Winternot, die uns die Sehnsucht früherer Geschlechter
nach der Wiederkehr des Lichtes nachempfinden läßt. Aber
der Mensch ruhte natürlicherweise von der Arbeit des Jahres aus,
hielt Rückschau und sammelte neue Kraft in der Zeit der inneren
Sammlung und des Gedenkens. Natürlich war der Mensch vergangener
Jahrhunderte und Jahrtausende vom Abnehmen des Sonnenlichtes weit stärker
beeindruckt als der von der Annehmlichkeit modernster Zivilisation verwöhnte.
In den nördlichen Regionen der Erde empfanden die Menschen im Innern
die Sehnsucht nach dem Sonnenlicht in einem heute unvorstellbaren Maße,
daß sie die Sonnenwende als »hochgezite«, hohes Fest,
bezeichneten. Der mittelhochdeutsche Ausdruck erfuhr erst in späterer
Zeit durch Sprachwandel die uns heute geläufige Begriffsverengung,
bezogen auf das in der Regel einmalige Fest im Leben des Menschen. Den
germanischen Vorfahren bedeutete die Wintersonnenwende, wie der ltd.
Ausdruck »ze wihen nahten« belegt, etwas Weihevolles und
Ernstes, aber auch Freud- und Hoffnungsvolles zugleich, galt doch die
Sonne als Lebenspenderin schlechthin, deren Wiederkehr es zu feiern
und freudig zu erwarten galt.
Das Geschehen der
Natur im ewigen Kreislauf wurde nun in Sinnbildern, Mythen und Sagen
und in mannigfältigen Formen gewürdigt und der Überlieferung
anvertraut. Gerade das Fest der Wintersonnenwende wird begleitet von
einer Fülle von Gebräuchen und vertrauten Sinnbildern. Sie
weisen auf das Versinken der Sonne hin, gleichzeitig auf die Hoffnung
und Gewißheit des neu erwachenden Lebens. So versinnbildlichen
die vier Lichter auf dem Julkranz oder Weihnachtskranz die vier Jahreszeiten.
Der Kranz ohne Anfang und Ende ist zugleich Sinnbild des
ewigen Lebens und kehrt in unserem Brauchtum auch zu anderen Anlässen
wieder, als Maienkranz, als Erntekranz, beim Richtfest oder auch zur
Totenfeier. Der Julkranz (in den skandinavischen Ländern heißt
Weihnachten noch immer Jul) wurde durch die das Ursprüngliche verehrende
Jugendbewegung aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg eingeführt,
wodurch das Brauchtum zur Weihnacht eine sinnvolle Ergänzung erfuhr.
Die Kirche nannte ihn »Adventskranz«, aber eine sinnstiftende
Beziehung zur Ankündigung der Ankunft Christi, des im Orient geborenen
»Heiland«, ist in der bedeutsamen Bildhaftigkeit überhaupt
nicht gegeben.
Mit dem immer noch
unverzichtbaren Tannenbaum hat der Mensch ein Stück Natur hinübergerettet
in die Neuzeit. Zwar wird immer wieder behauptet, der Weihnachtsbaum
sei nicht älter als 150 Jahre, mithin eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.
Doch das trifft allenfalls für die Form des Schmückens mit
bunten Glaskugeln zu. Der Weihnachtsbaum, fälschlich auch »Christbaum«
genannt, der uns alljährlich in seinen Bann zieht und im Kerzenschein
Weihnachtsstimmung schenkt ganz im Gegensatz zur heute gelegentlich
anzutreffenden bunten Flackerlicht-Grelle gilt uns wie unseren
Ahnen als Sinnbild der Hoffnung und Lebenskraft. Seine wetterbeständigen
Nadeln trotzen der Winterkälte, verkörpern das Beständige
und Bleibende.
Daß dieses
Baumsymbol mit dem Christentum nichts zu tun hat, gehört zu jenen
unmittelbar einleuchtenden Wahrheiten, die wider besseres Wissen geleugnet,
zumindest stillschweigend ignoriert werden. Da war es schon konsequent,
als während des Zweiten Weltkrieges ein französischer Bischof
deutschen Besatzungssoldaten das Aufstellen eines Tannenbaumes in der
Kathedrale untersagte, wie einer meiner Lehrer, ein Musikpädagoge,
aus eigener Erfahrung zu berichten wußte. Dies bestätigt
uns auch die Geschichte.
Die ältesten
deutschen Urkunden, die den Weihnachtsbaum erwähnen, sind Ratsverordnungen
aus den Jahren 1460, 1508, 1526 und 1555 dem Jahr des Augsburger
Religionsfriedens mit Verboten, die das Ausstatten der Stuben
mit dem Tannengrün der Bäume betreffen. Der Prediger am Straßburger
Münster, Domherr Prof. Dannhauser eiferte 1684, drei Jahre nach
dem Raub der deutschen Stadt durch die Truppen Ludwigs XIV., gegen das
offenkundig ältere Brauchtum:
»Unter den
anderen Lappalien, damit man die alte Weihnachtszeit oft mehr als durch
Gottes Wort begeht, ist auch der Weihnachts- oder Tannenbaum, den man
zu Hause aufrichtet
ist ein Kinderspiel.
Viel besser wäre
es, man weihte die Kinder auf den geistlichen Cedernbaum Jesum.«
Bemerkenswerterweise
rügte bereits um 1500 der Kanzelprediger Geiler von Kaisersberg
die Straßburger Weihnachtsbräuche als »heidnischen
Unfug«. Ebenso bezeichnete das Blatt des Vatikans, der »Osservatore
Romano«, noch 1935 die Sitte, zum Weihnachtsfest einen Lichterbaum
aufzustellen, als »Überbleibsel heidnischer Naturbräuche«.
Es dürfte vieles
dafür sprechen, daß, wie die Forschung nachzuweisen versuchte,
sich der Weihnachtsbaum in entlegenen Gebieten als Brauch aus germanischer
Zeit erhalten hat, bis er im vorigen Jahrhundert den Siegeszug antrat
und das ganze Volk für sich wiedergewann, gleichsam in einer Art
von Erberinnern. Eine altisländische Volkssage kann als Beweis
dafür angeführt werden, in der es u. a. heißt: »Die
Zweige der heiligen Eberesche strahlen zur Julnacht voller Lichter,
die kein Wind zu löschen vermag«.
Ein weiterer Beleg
für das Alter des Weihnachts- und Jahresbaumes verweist auf den
Norden Europas. Die in Granit gemeißelten skandinavischen Felsdarstellungen
von Löheborg/Bohuslän zeigen das Abbild des Jahresbaumes,
ein Zeugnis heidnischer Vergangenheit und Sinnbild natürlicher
Lebensbejahung. Im Wechsel treibt der Baum Blätter, Blüten
und Früchte, die im Herbst absterben, um neuen Knospen Platz zu
schaffen. Altnordische Sagen künden vom Baum als dem Ursprung der
ersten Menschen. Erinnert sei ferner an den germanischen Mythos von
der Weltenesche Yggdrasil, unter deren Wurzeln sich der Urdbrunnen befindet,
auf dessen Wasserfläche zwei weiße Schwäne stumm ihre
ewigen Kreise ziehen, Werden und Vergehen symbolisierend.
In ihrer lebensbejahenden
Sinnbildhaftigkeit gehören Baum und Kranz zum festen Bestandteil
deutschen Brauchtums. Sie sind Ausdruck unseres Wunsches, in der Weihnachtszeit,
wenn sich der Sternenhimmel in seiner winterlichen Pracht über
uns wölbt, einen Abglanz des Unendlichen in unser Heim zu nehmen,
ihm, wie die Philosophin Mathilde Ludendorff es einmal nannte, Sonnenwendweihe
zu geben. Diese tiefe Weihe erhält der Tannenbaum durch die strahlenden
Lichter der Kerzen, die eben einen Abglanz des Sonnenlichtes bedeuten.
Die Sonne hat ihren tiefsten Stand erreicht, gibt aber die Gewißheit
der Überwindung dunkler Tage.
Sinnbild des Lebens
sind ebenso die in vielen Gedichten und Liedern gepriesenen Weihnachtsäpfel,
Früchte ältester Kulturpflanzen nordischer Völker. Lebenskraft
geht von ihnen aus, wir schmücken damit den Weihnachtsbaum und
erinnern uns, daß sie auch in der Sagenwelt der Germanen als Äpfel
der Iduna eine Rolle spielten.
Von jeher dienen
zur Verzierung des Baumes Süßigkeiten und Gebäck in
mannigfaltiger Form der Sinnbildgestaltung, wie auch die weihnachtlichen
Festgebäcke auf älteste Sinnbilder unseres Volkes zurückverweisen.
In seiner »Deutschen Mythologie« bemerkte Jacob Grimm im
19. Jahrhundert:
»Eine Geschichte
der deutschen Kuchen und Semmeln ließe sich nicht ohne unerwartete
Aufschlüsse zusammenstellen.«
Die Formen unterscheiden
sich nach landschaftlicher Herkunft und sind in ihrer spezifischen Ausprägung
dafür auch bekannt. Lebkuchen bestimmen die Tradition in Nürnberg
und Aachen, Stollen in Sachsen, besonders in Dresden, und Thüringen,
hier auch »Schüttchen« genannt, die Reiter in Franken
und Friesland, wie in Schwaben die »Springerle« und Hufeisen
als Erinnerung an den Schimmelreiter Wode. An die sagenhafte Frau Holle
erinnern Spinnerin und Wickelkind, und schließlich gelten Stern,
Brezel und Herz als Sinnbilder des Lebens und der Liebe. In diesen Zusammenhang
fügen sich noch andere vertraute Gestalten aus der Märchenwelt
ein. Die Älteren erinnern sich an die hölzernen Märchenfiguren,
die in den dreißiger Jahren für das WHW warben und als Weihnachtsbaumschmuck
dienten. Noch immer beliebt sind Knusperhäuschen aus Lebkuchen,
verziert mit Rosinen, Mandeln und Schnee aus Zuckerguß. Bis ins
16. Jahrhundert wandte sich die Kirche gegen das heidnische Figurengebäck,
bis sie dann selbst dazu überging, Modeln für christliche
Figuren zu schaffen. Altüberliefertes Brauchtum war eben nur durch
verordnete Umwertung im Sinngehalt in den Griff zu bekommen.
Andere alte Sinnbilder
des Julfestes gerieten mehr in den Hintergrund, als der Baum wieder
Eingang fand. In Mitteldeutschland konnte sich der »Putzapfel«
erhalten, ein großer Apfel, in den eine Kerze und Tannenzweige
gesteckt werden. In Bayern ist der »Klausenbaum« bekannt,
eine aus Stäben gebildete Pyramide; deren Ecken jeweils in einem
Apfel stecken. Ähnlich erscheint in Thüringen der »Reifenbaum«,
bei dem mehrere mit Tannengrün und Moos umwickelte Reifen übereinanderhängen,
die im Mittelpunkt alle an einem Stock befestigt sind. Häufig hängen
an den einzelnen Reifen noch Äpfel, Nüsse und Lebkuchen.
Weiterhin großer
Beliebtheit erfreuen sich die durch die erzgebirgische Holzschnitzerkunst
berühmt gewordenen Weihnachtspyramiden. Auch hier erfolgte jedoch
inzwischen die christliche Umdeutung im Hinblick auf das Christi-Geburtsfest.
Ursprünglich wurden nur Tiere des Waldes, Gestalten aus dem Volksleben
oder aus dem Märchen figürlich auf den einzelnen Stockwerken
angebracht. Ein Flügelrad dreht sich auf der Spitze des Mittelstabes,
angetrieben durch die brennenden Kerzen darunter an den Rändern
der einzelnen Stockwerke. Von der drehenden Pyramide geht eine festliche
und feierliche Ruhe aus.
In letzter Zeit
fand der in Skandinavien und auf den friesischen Inseln übliche
Weihnachtsbogen, auch Kojesbaum genannt, weite Verbreitung in Form des
industriell gefertigten und mit Kerzen ausgestatteten hölzernen
Bogens. Ursprünglich wurde eine Haselgerte hufeisenförmig
gebogen und mit Tannengrün umwunden. In der Mitte befand sich das
Sinnzeichen des Lebensbaumes, selbstgebacken, rechts und links davon,
ebenfalls auf einfache Weise dargestellt in gebackener Form, ein Mann
und eine Frau. Die Verbindung mit dem Lebensbaum weist auf den nordischen
Schöpfungsmythos hin, der die Herkunft der Menschen aus dem Baum
erklärte. Durch den Bogen gezogene Querstäbe tragen Äpfel,
während über dem Bogen angezündete Lichter das Ganze
zum Abbild der winterlichen Sonne werden lassen. Somit stellt die gebogene
Haselgerte sinnvoll den kleinsten Jahresbogen der Sonne dar. Wer weiß
heute noch um diese Zusammenhänge, wenn der mit elektrischen Kerzen
bestückte Weihnachtsbogen in vielen Fenstern der Wohnhäuser
aufgestellt wird? Nehmen wir es indes als ein Zeichen, wie uraltes Brauchtum
die Zeiten zu überdauern und allen Umdeutungen zum Trotz sich zu
erhalten vermag. Gerade der jetzt so häufig anzutreffende Weihnachtsbogen
ist ein schönes Sinnbild der Wintersonnenwende. All diese Sinnbilder,
auch in der Vorweihnachtszeit unser Gemüt ansprechend, entstammen
ältesten Vorstellungen unseres Volkes und bezeugen die vorchristlichen
Wertauffassungen, die mit dem Weihnachtsfest aufs engste verbunden sind.
Wie sinnwidrig erscheint dagegen das in Hektik und Reisesucht versinkende
Vergnügungsstreben Entwurzelter, denen Weihnachten nur ein paar
Urlaubstage mehr bedeuten, die man in Betonburgen unter der südlichen
Sonne zu verbringen gedenkt. Ihnen ist das Dichterwort fremd geworden
im Strudel der aufgeregten Zeit, an das wir uns gern erinnern:
»Markt und
Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus.
Sinnend geh' ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.«
Gewiß, weiße
Weihnachten sind selten geworden. Aber die Stille der Zeit sollte man
sich in jedem Fall bewahren, Besinnlichkeit gibt Kraft. Und die Verse
Erich Limpachs verleihen dem Ausdruck, was wir in diesen heiligen Nächten
empfinden:
»Einsam mußt
du gehen durch die weiße Pracht, willst du ganz verstehen, deutsche
Weihenacht.«
Aber gerade der
Einsamkeit wollen die vielen Reisewilligen entfliehen. Weihnachten sollte
besinnlich gefeiert werden, nicht als verrauschendes Fest. Einst umfaßte
Weihnachten zwölf lange Tage und Nächte, die »wihen
nahten«. Das waren die geweihten Nächte, da der Mensch von
der Arbeit des Jahres ausruhte, um in innerer Sammlung neue Kräfte
zu schöpfen. Es entspricht dem Naturgesetz, der Abfolge von Tag
und Nacht, von Sommer und Winter, von Werden und Vergehen. Wer diesen
Spannungsbogen des Lebens und der Natur bejaht, dem kommt es nicht in
den Sinn, im Winter sich ein paar Tage Sommer vortäuschen zu lassen.
Es gibt viele Formen des Selbstbetrugs, von dem unsere Ahnen frei gewesen
sind, aber das scheint der Preis der Zivilisation zu sein, den der moderne
Mensch in seiner Unvollkommenheit zu zahlen bereit ist. Nun, die Entscheidung
liegt letztlich doch beim einzelnen selbst, ob und auf welche Weise
er seinem Leben Gehalt und Sinnerfüllung verleiht.
Weihnachten ist
ein inhaltsreicher Begriff, in welchem heimatliche Geborgenheit, Sippen-
und Ahnenverbundenheit, in früherer Zeit vor allem Winterleid und
dessen Überwindung durch die Wiederkehr des Lichtes tiefsten Ausdruck
findet. Das Schenken von Gaben ist ein schöner und sinnvoller Brauch,
doch erschöpft sich in ihm der Sinn der heiligen Nächte keineswegs.
Dessen sind sich, auch als Folge der christlichen Sinngebung, nur noch
die wenigsten voll bewußt, nur diejenigen verbinden mit dem Fest
das tiefe Erleben, die um den ursprünglichen Gehalt wissen und
mit ihm im Einklang Weihnachten begehen. Leider müssen wir beobachten,
wie sehr auch bei Kindern und Jugendlichen während sogenannter
Vorweihnachtsfeiern in der Schule Verflachung und allenfalls Mildtätigkeit
ihr Sinnen und Tun bestimmt. Welch ein Abstand offenbart sich da mitunter,
wenn ich an die Weihnachtsfeier unserer Klasse im Jahre 1944, zur letzten
Kriegsweihnacht denke. Diese Ungewißheit jener Schicksalsjahre,
diese Kriegsnot, diese Sorge um die nächsten Angehörigen,
und doch welche seelische Anteilnahme, welches unvergeßlich
gebliebene Erleben im gemeinsamen Singen und Musizieren!
Wer zur Zeit der
heiligen Nächte unserer Ahnen, zur Zeit unseres schönsten
Jahresfestes, hinausgeht in die schweigsame, klare Winternacht und hinaufblickt
zu den fernen Welten ewig kreisenden Geschehens, dem kann es, wie Erich
Limpach sagt, »gar eigen um die Seele sein«, der kann das
Erleben früherer Geschlechter nachempfinden. Da dehnt sich der
Himmel über uns mit seinen unzähligen Gestirnen, die aus unvorstellbarer
Ferne ihr Licht in den Äther ausstrahlen. Was ist da Raum, was
heißt hier noch Zeit? Das Erhabene wohnt nach Friedrich Schillers
Worten außerhalb von Raum und Zeit. Hier müssen wir mit Lichtjahren
rechnen und erhalten dabei Zahlenwerte, die sich ganz unserem Vorstellungsvermögen
entziehen. Das Unendliche, Erhabene und Ewige schwingt in dem Flimmern
der Gestirne durch die kalte Winterluft mit und wird vom Betrachter
im Sinnen vor dem gewaltigen Kosmos zudem bewußt erlebt. Man versteht
die Ahnen, denen ein Fest wie Weihnachten als Fest der Wintersonnenwende
heilig war. Das Erwarten der Wiederkehr des lebenspendenden und -erhaltenden
Lichtes und das Wissen um die unbedingte Zuverlässigkeit, mit der
die Sonne ihre Wende vollendet, sowie das traute Erlebnis der winterlichen
Jahreszeit mit ihrem Wunder der feinen Schneekristalle und der Schönheit
lichtdurchfluteter Schneelandschaften, dieses alles gibt dem Weihnachtsfest
seinen reichhaltigsten, schönsten und tiefsten Sinn.
Ihm verleihen die
Dichterverse entsprechenden Ausdruck:
Weihnachtsabend
Es leuchten so festlich die Kerzen
Am schimmernden, prangenden Baum,
Sie fügen den offenen Herzen
Der Weihnacht seligen Traum.
Es klingen so tröstlich die Lieder
Von Werden und Frieden durchs Land,
Auf heimlichen Schwingen kommt wieder,
Was lange dem Sinnen entschwand.
Es strahlen so funkelnd die Sterne
Vorm Fenster in ewiger Pracht,
Sie fügen der dunkelsten Ferne
Den Zauber der festlichen Nacht.
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