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Was war das
für ein Fest
Der kleine Junge hockte auf
dem Fußboden und kramte in einer alten Schachtel, aus der er einiges
zutage förderte, ein paar Röllchen schmutzige Nähseide,
ein verbogenes Wägelchen und einen silbernen Stern." Was ist
das?", fragte er und hielt den Stern hoch in die Luft. Die Küchenmaschinen
surrten, der Fernsehapparat gab Männergeschrei und Schüsse von
sich, vor dem großen Fenster bewegten sich die kleinen Stadthubschrauber
vorsichtig auf und ab. Der Junge stand auf und ging unter die Neonröhre,
um den Stern, der aus einer Art von Glaswolle bestand, genau zu betrachten.
"Was ist das?", fragte er noch einmal. "Entschuldige",
sagte die Mutter am Telefon, "das Kind plagt mich, ich rufe dich
später noch einmal an." Damit legte sie den Hörer hin,
schaute herüber und sagte: "Das ist ein Stern." "Sterne
sind rund", sagte der kleine Junge. "Zeig mal", sagte die
Mutter und nahm dem Jungen den Stern aus der Hand. "Es ist ein Weihnachtsstern",
sagte sie. "Ein was?", fragte das Kind. "Jetzt hab' ich
es satt", schrie der Mann auf der Fernsehscheibe und warf seinen
Revolver in den Spiegel, was beträchtlichen Lärm verursachte.
Die Mutter drückte auf eine Taste, der Lärm hörte auf,
und das Bild erlosch.
"Etwas von früher", sagte sie in die Stille hinein, "Von
einem Fest. "Was war das für ein Fest?", fragte der kleine
Junge. "Ein langweiliges", sagte die Mutter schnell, "die
ganze Familie stand in der Wohnstube um einen Baum herum und sang Lieder,
oder die Lieder kamen aus dem Fernsehen, und die ganze Familie hörte
zu." "Wieso um einen Baum?", sagte der kleine Junge, "Der
wächst doch nicht im Zimmer." "Doch", sagte die Mutter,
"das tat er, an einem bestimmten Tag im Jahr. Es war eine Tanne,
die man mit brennenden Lichtern oder mit kleinen bunten Glühbirnen
besteckte und an deren Zweige man bunte Kugeln und glitzernde Ketten hängte."
"Das kann doch nicht wahr sein", sagte das Kind. "Doch",
sagte die Mutter, "und an der Spitze des Baumes befestigte man den
Stern. Er sollte an den Stern erinnern, dem die Hirten nachgingen, bis
sie den kleinen Jesus in seiner Krippe fanden." "Den kleinen
Jesus", sagte das Kind aufgebracht, "was soll denn das nun wieder
sein?"
"Das erzähle ich dir ein andermal", sagte die Mutter, die
sich an die alte Geschichte erinnerte, aber nicht genau. Der Junge wollte
aber von den Hirten und der Krippe gar nichts hören. Er interessierte
sich nur für den Baum, der im Zimmer wuchs und den man verrückterweise
mit brennenden Lichtern oder mit kleinen Glühbirnen besteckt hatte.
"Das muß doch ein schönes Fest gewesen sein", sagte
er nach einer Weile.
"Nein", sagte die Mutter heftig. "es war langweilig. Alle
hatten Angst davor und waren froh, wenn es vorüber war. Sie konnten
den Tag nicht abwarten, an dem sie dem Weihnachtsbaum seinen Schmuck wieder
abnehmen und ihn vor die Tür stellen konnten, dürr und nackt."
Und damit streckte sie ihre Hand nach den Tasten des Fernsehapparates
aus. Jetzt kommen die Marspiloten, sagte sie. "Ich will aber die
Marspiloten nicht sehen", sagte der Junge, "ich will einen Baum,
und ich will wissen, was mit dem kleinen Sowieso war." "Es war",
sagte die Mutter ganz unwillkürlich, "zur Zeit des Kaisers Augustus,
als alle Welt geschätzt wurde."
Aber dann erschrak sie und war wieder still. Sollte das alles noch einmal
von vorne anfangen, zuerst die Hoffnung und die Liebe und dann die Gleichgültigkeit
und die Angst? Zuerst die Freude und dann die Unfähigkeit, sich zu
freuen, und das Sichloskaufen von der Schuld? Nein, dachte sie, ach nein.
Und damit öffnete sie den Deckel des Müllschluckers und gab
ihrem Sohn den Stern in die Hand. "Sieh einmal", sagte sie,
"wie alt er schon ist, wie unansehnlich und vergilbt. Du darfst ihn
hinunterwerfen und aufpassen, wie lange du ihn noch siehst." Das
Kind gab sich dem neuen Spiel mit Eifer hin. Es warf den Stern in die
Röhre und lachte, als er verschwand Aber als es draußen an
der Wohnungstür geklingelt hatte und die Mutter hinausgegangen war
und wiederkam, stand das Kind wie vorher über den Müllschlucker
gebeugt. "Ich sehe ihn immer noch", flüsterte es, er glitzert,
er ist immer noch da.
Marie Luise Kaschnitz (1901
- 1974)
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